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Steffi Graf und die Angst, Fehler zu machen

Sie führt seit Jahren ein ruhiges Familienleben und gibt selten Interviews. Mit der "Welt am Sonntag" sprach die Ex-Tennisspielerin über Heimat, die Lust am Sport und das Image der perfekten Legende. Von Caroline Rudelt

Es ist noch immer ein ungewohntes Bild. Selbst nach den vielen Jahren, die sie nun nicht mehr auf dem Tennisplatz steht. Stefanie Graf im dezenten grauen Hosenanzug, leicht geschminkt. Die Haare trägt die 42-Jährige offen, nicht zum Pferdeschwanz gebunden, wie an all jenen Tagen, in denen sie um einen erneuten Erfolg im internationalen Tennissport kämpfte.

22 Grand-Slam-Turniere hat sie gewonnen, 377 Wochen lang regierte sie die Tennis-Weltrangliste, wurde zu einer Ikone des Sports, zu "unserer Steffi Graf", die in all ihrer Bescheidenheit das Publikum wie die Medien verzauberte. Und dabei eigentlich von Kindesbeinen doch nur eines wollte: Tennis spielen. Die ihr eigene Schüchternheit hat sie nie ganz ablegen können. Auch an diesem Tag in einem Studio ihrer Fitnessstudio-Kette in Berlin ist sie fast greifbar.

Stefanie Graf überlegt, bevor sie Antworten gibt, zögert manches Mal auch. Direkt in die Augen sieht sie nur selten, spielt nervös mit ihrem silbernen Herzanhänger. Nein, Spaß hat die Frau von Andre Agassi und zweifache Mutter an Terminen dieser Art offenbar bis heute nicht gefunden.

Allerdings – ein Gespräch mit ihr ist keinesfalls unangenehm. Gerade weil sie darin authentisch ist, sich nicht verkaufen möchte als etwas, das sie nicht ist. Wenn die Sprache auf ihre Familie kommt, ihre Kinder Jaden Gil, 10, und Jaz Elle, 8, wird ihr Blick weich. Bei ihren Erzählungen über ihren Mann ist es ähnlich. Familienglück als Imagewerbung? Bei anderen Stars vielleicht. Bei Stefanie Graf wirkt es ehrlich. Ganz so wie ihr Spiel damals vor vielen Jahren. Auf dem Tennisplatz.

Welt am Sonntag: Frau Graf, Sie sind selten in Deutschland, leben seit vielen Jahren in den USA. Fühlen Sie sich hier eigentlich noch zu Hause?

Stefanie Graf: Es ist vielleicht nicht mehr mein Zuhause, aber es ist meine Heimat. Ich hatte gerade die Gelegenheit, einen Abstecher nach Mannheim zu machen. Das war sehr schön, wenn auch zu kurz.

Welt am Sonntag: 1999 beendeten Sie Ihre aktive Karriere. Seitdem nie mehr Sehnsucht nach dem Tennisplatz gehabt?

Stefanie Graf: Nein, ich kann nicht sagen, dass mir das Tennisleben fehlt. Natürlich macht es nach wie vor Spaß, zum Schläger zu greifen – was allerdings nur selten vorkommt. Ich gehe voll als Mutter, in meiner Stiftung "Children for Tomorrow" und in den geschäftlichen Dingen auf. Mit der Stiftung und ihrem Anliegen, gewalttraumatisierten Kindern zu helfen, hatte ich schon vor dem Ende meiner Karriere ein Engagement entwickelt, das mir sehr am Herzen liegt.

Welt am Sonntag: Verfolgen Sie denn, was im Tennis passiert?

Stefanie Graf: Weniger im Fernsehen, aber ich schaue durchaus in die Zeitungen nach den Ergebnissen oder besuche Turniere.

Welt am Sonntag: Und da kribbelt es gar nicht mehr?

Stefanie Graf: Nein, es macht Spaß, als Zuschauerin dabei zu sein. Doch es fehlt mir nicht, selbst zu spielen. Dafür ist mein Leben mit zu vielen schönen Dingen gefüllt.

Welt am Sonntag: Sie waren eine Ausnahme-Spielerin. Würden Sie sich auch als eine Ausnahme-Geschäftsfrau bezeichnen?

Stefanie Graf: Ich weiß nicht, ob es das trifft. Vieles in meinem Leben hat sich ganz natürlich und langsam entwickelt, zum Beispiel die Arbeit mit meiner Stiftung. Ich hatte während meiner Karriere viel von der Welt gesehen und erfahren, wie viele Menschen in schlimmen Verhältnissen leben und unter Gewalt zu leiden haben, vor allem die Kinder. Da war es ein fließender Übergang, weil ich zuvor schon für einzelne Stiftungen gearbeitet habe und so lernen konnte. Ich wollte einfach etwas von meiner Erfahrung weitergeben. Auch mit Mrs. Sporty, meiner Fitnessstudio-Kette, möchte ich weitergeben, was ich erfahren habe, nämlich wie gut Bewegung tut.

Welt am Sonntag: Und Ihren Kindern? Was möchten Sie ihnen mitgeben?

Stefanie Graf: Das ist die eine große Frage. Sicherlich die vielen kleinen und die großen Dinge, Sensibilität und Respekt für andere, ein Verständnis für die Umwelt und das Bewusstsein, dass sie mir unheimlich wichtig sind, auf den Rückhalt von mir und meinem Mann bedingungslos zählen können. Deshalb auch noch einmal zurück zu der vorherigen Frage: Sehe ich mich als Geschäftsfrau? Nein. Ich sehe mich vorrangig als Mutter und Ehefrau. Nichts ist wichtiger als meine Familie und die Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringe.

Welt am Sonntag: Haben Sie manchmal Angst, Fehler zu machen? Keine gute Mutter zu sein?

Stefanie Graf: Ja, die Sorge ist da und sie ist wichtig. Man verliert sie nicht. Wenn Andre und ich etwa entscheiden, gemeinsam zu einem Termin zu fliegen, und die Kinder zu Hause bleiben, ist man natürlich immer in Sorge, dass etwas passiert. Und jeden Tag kommen neue Dinge hinzu. Aber allein die Tatsache, dass man sich ständig hinterfragt, ist auch ein gutes Zeichen.

Welt am Sonntag: Und Sie sind nicht alleine damit.

Stefanie Graf: Genau. Mein Mann und ich sind ständig in der Diskussion. Da hat jeder von uns andere Sorgen – und die muss man dann miteinander besprechen.

Welt am Sonntag: Sie sind viel unterwegs. Da wird es sicher knapp für solche Gespräche.

Stefanie Graf: Es ist nicht immer einfach. Zumal ich nicht der kommunikationsfreudigste Mensch bin. Ich bin jemand, dem es nicht leicht fällt, sich zu öffnen und über bestimmte Dinge, die mich bewegen, zu sprechen. Da konnte ich viel von Andre lernen. Er hat mir geholfen, etwas, das mir am Herzen liegt, auch auszusprechen. Wir haben einen guten Austausch.

Welt am Sonntag: Sind Sie generell gelassener geworden. Gilt das auch für den Umgang mit der Öffentlichkeit?

Stefanie Graf: Nein, Interviews und repräsentative Termine fallen mir nicht leichter. Ich glaube sogar, dass es mir jetzt schwerer fällt, weil ich seltener in der Öffentlichkeit bin – womit ich mich sehr wohl fühle.

Welt am Sonntag: Sie haben das Image der perfekten Tennislegende, in Ihrem Leben gibt es keine Skandale, Sie sind die untadelige Stefanie Graf. Sind Sie wirklich so?

Stefanie Graf: Perfekt bin ich sicherlich nicht. Fehler gehören doch zu jedem Menschen dazu. Ich bin nun seit fast 13 Jahren nicht mehr auf dem Tennisplatz, ich habe ein anderes Leben. Natürlich ist es schön, zurückzuschauen, angesprochen zu werden. Es ist schön, wenn mir Menschen sagen, wie viel Spaß sie hatten, mich Tennis spielen zu sehen. Aber das ist lange her.

Welt am Sonntag: Und Sie achten natürlich auch zu Hause sehr auf gesunde Ernährung und Bewegung, oder?

Stefanie Graf: Als Sportler ist man sich der Wichtigkeit gesunder Ernährung bewusst. Wir versuchen, unsere Einstellung an unsere Kinder weiterzugeben. Ernährung und Bewegung sind wichtig für ein gesundes Aufwachsen der Kinder. Wobei meine Kinder damit keine Probleme haben. Die sind eher zu aktiv.

Welt am Sonntag: Verstehen Ihre Kinder eigentlich, was die Eltern erreicht haben?

Stefanie Graf: Bis vor wenigen Jahren haben sie es nicht verstanden. Der Kleine war vier Jahre alt, als Andre das letzte Mal auf dem Platz stand. Erst in der Schule, als wir einmal Pokale mitbringen und ein bisschen von der Zeit damals erzählen sollten, fingen sie an, etwas zu begreifen. Das öffentliche Interesse an ihrem eigenen Werdegang wird natürlich auch immer größer. Aber es ist in Las Vegas, wo wir leben, insgesamt recht anonym, glücklicherweise. Sie werden normal integriert.

Welt am Sonntag: Ihr Fitnessstudio ist nur für Frauen konzipiert. Trainieren Sie selbst mit Ihrem Mann oder machen Sie das lieber allein?

Stefanie Graf: Meistens allein. Früher haben wir häufiger zusammen trainiert, aber in den letzten Jahren haben wir zu viele Schwierigkeiten, unsere Terminpläne zu koordinieren. Wie unsere Mitglieder bin ich deswegen froh, wenn ich wenigstens 30 Minuten Training regelmäßig einbauen kann. Aber demnächst wollen wir mal zusammen auf dem Tennisplatz stehen. Zu zweit macht es nun mal mehr Spaß.

13. Mai 2012
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